S 21: Zusätzliche Kosten (II)

> Wackelkandidaten auf Kurs gebracht Von Andreas Müller – Stuttgarter Zeitung, 3. Juli 2015

> Brisante S21-Unterlagen Welchen Einfluss hatte das Kanzleramt? SWR Landesschau


Ergänzungen zu  > S 21: Zusätzliche Kosten (I): “Nichtbahnverkehrliche Kosten”

ENTWICKLUNG/ GESCHICHTE DER KOSTEN

Bisher wurden der Öffentlichkeit von der Deutschen Bahn AG, DB AG, nur pauschale Summen mitgeteilt. 1994 wurden von der DB AG, als Kosten für das Projekt Tiefbahnhof Stuttgart 21, ca. DM 4,9 Mrd, Kostenbasis laut Zeitungsberichten das Jahr 1993, genannt.

Damals angegebene Fertigstellung 2004. Umgerechnet auf EURO ca. € 2,5 Mrd. Der Vereinbarung zwischen den Trägern des Projekts vom 19.07.2007, der DB AG, dem Bund dem Land, der Region, der Stadt Stuttgart, liegen laut Berichten zugrunde ca. € 2,8 Mrd. Ergeben, damals angegebene Fertigstellung 2008, sich durch Index-Kostensteigerung bis 2007 und von der Bahn angegebenem Risikozuschlag(46 % von 2,8), ca. € 4,1 Mrd.

Das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung hat in den vergangenen Jahren des öfteren auf Kostenunsicherheiten hingewiesen. In einem Schreiben des Ministeriums vom 13.12.2006, das uns vorliegt, wird ausgeführt: „Die Wirtschaftlichkeitsuntersuchung hat eine erhebliche Unterdeckung ergeben. Bund und Land haben Einvernehmen, dass der Bund die (Kosten-) Vorschläge von einem externen Gutachter intensiv prüfen lässt.“ Bis heute nicht geschehen, obwohl immer wieder gefordert.

Unsere Überprüfungen ergeben zweifelsfrei, dass die von der DB AG seit Beginn 1994 angegebenen ca. € 2,5 Mrd (ca. DM 4,9 Mrd) Basiskosten viel zu niedrig angesetzt waren.

Vergleiche mit ähnlichen Projekten und Kontrollberechnungen auf der Basis von Massen und Daten der wichtigsten Positionen (z.B. Kosten pro Kilometer Tunnel) bestätigen dies. Schon damals hätte der 2007 von der DBAG nachgeschobene, Risikozuschlag über ca. € 1,3 + 0,2 = 1,5 Mrd und andere Kosten in den Grundkosten enthalten sein müssen. Beim damaligen Filderdialog machte die Bahn die Vorgabe „dass sich alle Projektpartner einig sind, dass der Kostenrahmen von € 4,562 Mrd. (Vergleich ca. € 4,9 Mrd. s.unten) für das Gesamtprojekt eingehalten werden muss“.

Die von 1994/1993 bis 2007 eingetretenen Preissteigerungen (jährliche Indexsteigerung nach Angaben des Statistischen Bundesamtes, Wiesbaden, jährlich mindestens ca. 3,5 %), wurden, so weit erkennbar nicht berücksichtigt oder erheblich zu niedrig angesetzt.

Unsere Überprüfungen ergaben zudem, dass weitere erhebliche Kostenfaktoren und -positionen in den von der DB AG genannten Kosten entweder nicht enthalten sind,- oder die Kostenbasis auch zu niedrig angesetzt ist.

Unter Berücksichtigung dieser Aspekte/Faktoren haben das Büro Ostertag in Zusammenarbeit mit einem Büro für Kostenplanung und Projektmanagement und das von den Grünen beauftragte Büro Vieregg + Rössler GmbH, München, unabhängig voneinander zu den bisher von der DB angegebenen bahnverkehrlichen Kosten Stellung bezogen und qualifizierte Berechnungen vorgenommen. Sie wurden in Pressegesprächen 2007 vorgestellt und veröffentlicht. Es wurden 2007/2008 folgende Basiskosten ermittelt:

1. Büro Ostertag und Büro Kostenplanung berechnet April 2008

1.Kosten S21 2007:
1.1 Kostenangaben der Deutschen Bahn AG/ DBAG 1994 (Basisjahr 1993)
ca. DM 4,9 Mrd umgerechnet auf EURO ca. € 2,5 Mrd
1.2 Index-/Preissteigerung 1993 -2007 ca. € 0,4 Mrd
1.3 zusätzliche Maßnahmen(Seite 2, 3, und 4) ca. € 0,5 Mrd
1.4 Risikozuschlag, angegeben von DBAG 2007 + min. € 0,2 Mrd (s.oben) ca. € 1,5 Mrd

Kosten S21 2007 ca. € 4,9 Mrd

Da die Bahn bereits damals eine spätere Fertigstellung von bis 2019
andeutete, wurden die Kosten für diesen Zeitraum fortgeschrieben.
2. Kosten S21 2019:
2,1 Index- /Preissteigerung 2007 – 2019 ca.3,5%/Jahr ca. € 1,9 Mrd
2.2 Risikozuschlag, bezogen auf Ziffer 2.1 (entsprechend Ziff.1.4) ca. € 0,7 Mrd
Kosten S21 2019 (berechnet Mai/Juni 2008) ca. € 7,5 Mrd

Erläuterungen, Anmerkungen

Ziffer 1.1 sind die Kosten, die die Deutsche Bahn AG 1994 in DM mit ca.4,9 Mrd zu niedrig angegeben hat, umgerechnet pauschal auf € ca. € 2,5 Mrd. Ausgehend von dieser Zahl wurde die Index-/Preissteigerung 1993-2007 (Anlage 1), Ziffer 1.2, ca. € 0,4 Mrd berechnet. Die damaligen jährlichen Indices lassen sich über die Entwicklung des Baupreisindex der Baukosten (Quelle Statistisches Bundesamt Deutschland, Wiesbaden (www.baukosten.de, Baukostenindex) ermitteln. Ziffer 1.3 wurde über die vorliegenden Grundlagen/Informationen (siehe Seiten 2, 3, und 4) ermittelt. Ziffer 1.4 /Risikozuschlag wird von der DB AG mit ca. € 1,3 Mrd angegeben plus ca. € 0,2 Mrd für zu niedrig angegebene Basiskosten (Ziffer 1.1). In der Addition ergeben sich die Kosten S21 im Jahr 2007 mit ca. € 4,9 Mrd, anstelle der bisher mit Risikozuschlag angegebenen ca. € 4,1 Mrd.
Der Betrag von ca. € 4,9 Mrd wird als Ausgangszahl 2007 eingesetzt und entsprechend dem angegebenen Bau-/Termin-/Ablauf bis 2019 aufgegliedert, berechnet und ergibt Ziffer 2.1 als Kostensteigerung von 2007 – 2019 von ca. € 1,9 Mrd.(ca.3,5 %/Jahr) Für den Zeitraum 2007 bis 2019 muss ebenfalls ein angemessener Risikozuschlag (mindestens ca. 37 % von € 1,9 Ziffer 2.2) eingesetzt werden.

2. Das Büro Vieregg & Rössler, GmbH; München
kam in seiner Berechnung, vom 18.Juli 2008,(ebenfalls Annahme 2019) auf ca.€ 6,9 Mrd:

3. Inzwischen hat die Bahn ihre Kostenangaben von 2009 auf ca. € 6,5 Mrd bezogen auf deren damalige Fertigstellungsangaben 2015 lt Berichterstattung „korrigiert“.

fortgeschrieben auf 2019 mit 3,5 % / Jahr ca.€ 7,4 Mrd

Die beiden Büros 1 und 2 stellen fest und werden durch Rückfragen bei der Bahn; Land und Stadt, dem Statistischen Bundesamt Deutschland, Wiesbaden (www.baukosten.de, Baukostenindex) bestätigt, dass die Kostenbasis der Bahn viel zu niedrig angesetzt ist und zu enormen Mehrkosten führen werden.

5. Kosten 2022 / 2025, einschließlich Ziffer 4

Aus diesem Betrag von EURO 3,5 Mrd. können/müssen die die Projektbeteiligten betreffenden Beträge ermittelt werden. Diesen müssten um die endgültigen, tatsächlich von den einzelnen Projektbeteiligten zu tragenden Kosten (deren BürgerInnen) hinzugefügt werden Wir versuchten mehrmals vergeblich Auskunft darüber zu erhalten, ob, welche, und in welcher Höhe diese und weitere Positionen in den bisher genannten Kosten oder in getrennten Kostenangaben der DB Bahn oder anderer Projektpartner/Träger, z.B. der Stadt, dem Land, der SSB, der EnBW aufgeführt/enthalten sind. Bisher ohne oder völlig unbefriedigende Antwort.
Deshalb haben wir diesen an der untersten Grenze(Basis 2014) liegenden Betrag von ca.€ 3,5 Mrd. aufgrund von Informationen, Erfahrungen, nach bestem Wissen und Gewissen auf die am Projekt Beteiligten aufgeschlüsselt: Bahn ca. € 2,0 Mrd , Stadt ca.€ 1 Mrd Land ca.€ 0,5 Mrd sonstige Beteiligte, z.B SSB, ENBW ca €. 0,5 Mrd.

Diese Kosten müssten/müssen in den Kostenberechnungen der Bahn oder/und der anderen am Projekt Beteiligten deutlich aus-/nachgewiesen sein. Dies ist offensichtlich nicht der Fall und müsste schleunigst nachgeholt werden. Es sind auf jeden Fall Kosten, die der Steuerzahler, die Bürgerinnen und Bürger schlussendlich zu bezahlen haben.

Deshalb fügen wir die die Bahn betreffenden zusätzlichen Kosten den unter Ziffer 3..Kostenfortschreibung genannten Kosten von ca. € 9,77 Mrd
mit Kosten Ziffer 4 mind.ca. € 2.0 Mrd
DBAG betreffende Kosten 2022 (Basis 2014) mind.ca. € 11.77 Mrd
DBAG betreffende Kosten 2025(Basis 2014)S.4,€ 12,55 Mrd.+ € 2,0 Mrd mind.ca.€ 14,55 Mrd

Auf die Stadt werden inclusiv der Kosten Ziffer 4 von ca.€ 1 Mrd. Kosten zukommen von mind.ca. € 2,0 .Mrd

6. Kosten /Mehrkosten vergleichbarer Grossprojekte

Zu unserer Absicherung haben wir eingetretene Kosten/Mehrkosten vergleichbarer Großprojekte erfraqt, ermittelt, z.B.

1. Transrapid München-Flughafen, Steigerung der Kosten von € 1,85 auf € 3,4 Mrd, ca.85 %, verursacht u.a. durch zu nieder angesetzte Kosten der Untertunnelungen(Südd.Ztg),.
2. Engelberg-Projekt Steigerung um ca. 42 % (Südd.Ztg),
3. Lübeck, Untertunnelung- Projekt Steigerung um ca.90 % (Südd.Ztg),
4. Gotthard- Alpentransversale Steigerung bisher um ca. 45 %. Wegen diesen milliarden- schweren (Mehr-) Kosten wurde der Zulauf-, Basistunnel fallen gelassen und die Bauar- beiten an dem bereits begonnenen unterirdischen Bahnhof Porta Alpina eingestellt (NZZ).
5. Mehrkosten beim Berliner Lehrter Bahnhof Kalkulation ca. € 5,7 Mrd , Mehrkosten mindestens ca. € 1,5 Mrd, wahrscheinlich ca. € 2,3 Mrd, ca.40 % (Mehdorn 11.06.08),
6. Mehrkosten beim Bau der ICE-Strecke Frankfurt-Köln, deutlich mehr als ca. € 1 Mrd (Mehdorn 11.06.08),
7. Mehrkosten beim Bau der ICE-Strecke München-Nürnberg, Nürnberg-Erfurt um ca.1,8 Mrd, über ca.50 % (Mehdorn 11.06.08),
8. Mehrkosten bei der B-29 Umfahrung Schwäbisch Gmünd (Untertunnelung in bergmännischer Bauweise wie S21)um ca. 70%, Kosten € 80.000.-/lfm Tunnel (STN).
9. S6o Ausbau Renningen – Böblingen werden bis April 2008, obwohl noch im Bau, bereits ca. € 150 Mio Mehrkosten, was einer Kostensteigerung von ca. 65 % entspricht, angezeigt.
10. Norwegische Projekte mit Untertunnelungen Mehrkosten zwischen 40 und 110 % (FAZ, Südd. Ztg)
11. Beim Großflughafen Berlin zeichnen sich schon kurz nach Beginn der Bauarbeiten erhebliche Kostensteigerungen ab (Südd.Ztg).
12. Laut Immobilien-Zeitungen von 15.05.2008 bis 2013 sind bei GU- Verträgen Baukosten- steigerungen von 2006 auf 2007 15 % bis 20 % eingetreten und für die folgenden Jahre zu erwarten,
13. EZB- Europäische Zentralbank, Frankfurt, Mehrkosten s. FAZ ca.55 %
14. usw.

Die genannten Mehrkosten-Angaben dieser Projekte, die aus offiziellen Bekanntgaben und Berichten seriöser Printmedien stammen, lassen eher höhere Kostensteigerungen beim Projekt Stuttgart 21 erwarten als sich aus unseren Berechnungen ergeben.

7. Schlußbetrachtung, Fazit, Zusammenfassung

Das angeblich „am besten, am tiefsten durchgeplante Projekt der Deutschen Bahn AG“ wird nach realistischer Überprüfung und Einschätzung eine erhebliche, den als Beispiel aufgeführten Projekten ähnliche Kostensteigerung erfahren.

Bei Stuttgart 21 musste bis 2007 von einer Steigerung von ca. € 4,1 Mrd (€ 2,8 Mrd + Risikozuschlag von ca. € 1,3 Mrd) auf mindestens ca € 4,9 Mrd, von ca.20 %, ausgegangen werden. Dies die Kosten, wenn das Projekt S21 wie vorgesehen bis 2008 realisiert worden wäre. Bei einer Fertigstellung von S 21 bis 2019 muss von einer Steigerung von ca. € 4,9 Mrd auf mindestens € 7,5 Mrd, von ca. 53 %, von den von der DB AG 2007 angegebenen ca. 4,1 Mrd von ca. 82,9 % ausgegangen werden. Auf dieser Basis ergeben sich 2014 bei einer Fertigstellung 2022 die genannten bahnverkehrlichen Kosten von mind.ca.€ 11,77 Mrd.
einer Fertigstellung 2025 die genannten bahnverkehrlichen Kosten von mind.ca.€ 14,55 Mrd.

Was damals(1994) jeder wusste, der es wissen wollte, das Projekt S21 ist auch unter Kosten- und Finanzierungs-Gesichtspunkten ein unseriöses Projekt. Kosten, Wirtschaftlichkeit und Nutzen stehen in einem krassen Missverhältnis zueinander. Die ursprünglich behauptete Finanzierung durch Grundstücks- und Mehrverkehrserlöse ist illusorisch. Die bisherigen Angaben der Deutschen Bahn AG und der anderen Partnern zu den Kosten und zu deren Finanzierung stellen sich als spekulative, „politische“, wesentlich zu niedrige Angaben/ Kosten dar. Er, der Steuerzahler, müsste die Zeche, die zu erwartende Kostensteigerung, bezahlen, egal aus welchem Topf. Schon längst, von Beginn hätte eine seriöse Kostenberechnung von unabhängiger dritter Seite erstellt werden müssen. Externe, unabhängige Experten, der Bundesrechnungshof hätten zur Überprüfung eingeschaltet werden müssen.

Dies müsste heute schleunigst nachgeholt werden.

Parallel muss die Alternativplanung K21, Modernisieren des Kopfbahnhofs unter verkehrlichen, städtebaulichen und architektonischen Gesichtspunkten, endlich ernsthaft aufgenommen werden, damit – falls sich die bisherigen Kosten-, Finanzierungs-, Wirtschaftlichkeitsberechnungen von S 21 als untragbar herausstellen, was höchstwahrscheinlich der Fall sein wird -, aus dem Projekt S21 ausgestiegen und zügig auf K21 umgestiegen werden kann.