Category Archives: Denkmalschutz

Kann man den Eckensee überbauen?

„Da liegst du nun in Sonnenglanz, schön wie ich dich je sah,“ so der Stuttgarter Oberhofprediger Karl Gerok aus Vaihingen an der Enz über sein Stuttgart. Doch seit Jahrzehnten schaut keiner mehr auf die Stadt. Die Bürger interessieren sich nicht mehr für die Stadtplanung, weil es keine gibt, die überzeugt. Das soll nun, nachdem man den oberen Schlossgarten mit dem Eckensee ‑ ein als Kulturdenkmal klassifizierter Raum ‑ als Bauplatz für die Interimsoper aus gesondert hatte, nun doch wieder als Bauplatz für die jahrelange Zwischenlösung ins Gespräch gebracht werden ‑ ganz so als ob der Schlossgarten nicht schon genug durch den unterirdischen Bahnhof gelitten hätte. Der Schlossgarten, die Zerstörung der Seitenflügel des Hauptbahnhofs haben an Identität und Selbstbewusstsein der Stadt bereits sehr genagt, genauso wie alle Bauten auf dem Areal A1 den Luftaustausch auf sträfliche Weise beeinträchtigen, den der Talkessel so bitter nötig hätte. Das Klima in der Innenstadt wird beschädigt, wenn Bäume abgeholzt werden und wenn Politiker meinen, der Eckensee sei nur zum Angucken da. Wozu braucht Stuttgart eigentlich noch eine Denkmalschutzbehörde, so darf man verwundert fragen? Wenn die Stadt Stuttgart nicht nur jede freie Fläche überbaut und dazu auch noch bestehende Seen wie den Eckensee leichtfertig opfert, dann wird das Wort Stadtplanung in dieser Stadt endgültig zum Fremdwort.

Roland Ostertag

Der Fall Silber

fall-silber“Das Hotel Silber ist einer der wenigen noch übrig gebliebenen Bausteine / Gebäudetypen, aus denen die Stadt über Jahrhunderte weg bis in das 19., ja 20. Jahrhundert bestand. Die Häuser wurden nach bestimmten Regeln, condition humaine, geplant, waren stets ähnlich hoch, meist drei-, gelegentlich vier- bis fünfgeschossig, durch Nutzung und Eigentum in Länge, Breite, Höhe ähnlicher Körnung, festgelegt. Gegliedert in Sockel, Normalgeschosse, Dach. Die Öffnungen / Materialien / Fenster nehmen mit Nuancen diese Regeln auf und erklären das Haus. W. J. Siedler: „Es hätte Hadrian nicht sonderlich wundergenommen, durch europäische Großstädte des 19. Jahrhunderts zu gehen“. Unsere Gebäude definieren sich heute nur noch durch Größe, maximalen Nutzen und Volumen, sind nur Masse, voluminierte Grundstücksgröße. Das Hotel Silber ist ein bescheidener, jedoch unverwechselbarer Baustein des Lesebuchs der Stadt.” (S. 32)

“Mit dem Hotel Silber würde nicht nur ein Stück der steinerne Stadt, des Gedächtnisses der Stadt, sondern auch die Erinnerung an das bürgerliche kulturelle Stuttgart vor 1933, die jüdische Komponente, damals wichtiger Teil des Bürgertums, ausgelöscht werden. Und nun will dieses geschwächte Bürgertum 2011 auch noch diesen Ort der Erinnerung vernichten. Nicht wie in Berlin, Köln, München, Nürnberg und anderen Städten dankbar akzeptieren und erhalten.” (S. 217)

> Initiative Gedenkort Hotel Silber

Der Fall Silber: ein Skandal
Herausgegeben von Prof. Roland Ostertag im Peter-Grohmann-Verlag.
Mit vielen Fotos und Dokumenten.
ISBN 978-3-927340-94-7, 16,90 Euro

H. Wittmann, > Der Fall Silber. Ein Skandal, 8. März 2013.